Mittwoch, 6. August 2014

Kurzgeschichte "Mit Herz und Seele"

Mit Herz und Seele

Ich weiß noch damals, als ich in die Schule kam, da war sie auch bei mir. Sie trug mir meine Schultüte und lächelte mich strahlend an. Das machte mir damals mut. Gab mir Kraft. Sagte mir, dass sie stolz auf mich war. Allein diese Tatsache machte mich glücklich. Es war so leicht als Kind glücklich zu sein. Besonders wenn sie bei mir war. Ich erinnere mich auch an ihren Gesichtsausdruck, als ich ausgezogen bin. Sie war so hin und her gerissen. Ich wusste, dass sie sich für mich freute und doch war sie auch traurig. Das sah man ihr an, aber immer wenn sie mich sah lächelte sie. Kurz darauf lernte sie zum ersten mal meinen Freund kennen. Ich hatte Angst, sie könnten sich nicht mögen, wie es manchmal eben so ist. Doch als sie uns die Tür öffnete, wehte mir ein vertrauter Duft in die Nase. Sie hatte Kuchen gebacken. Nur für uns. Offen lächelnd stand sie in der Wohnung. Ich erinnere mich noch wie sie in einem alleinigen Moment zu mir sagte, dass mein Freund ein toller Kerl sei. Noch heute höre ich seine Worte, die er zu mir sagte als wir wieder zuhause waren. Sie ist umwerfend, sagte er. Ich weiß noch, dass ich ihm stumm zugestimmt hatte. Doch gibt es auch Erinnerungen, die mir ins Herz schneiden. Ich denke an den Tag, als sie mir sagte, dass ich noch ein Geschwisterchen bekommen würde. Ich war damals Zehn Jahre alt und nicht bereit mein Dasein als Einzelkind aufzugeben. Ich weiß noch, dass ich ihr sagte ich würde sie hassen. Ich spüre noch immer meine Tränen, die heiß meine Wange hinab rannen. Tränen der Wut und der trauer. Tränen aus Frust und Sorge, die sich als unbegründet darstellten. Sie hatte mich nie vergessen. Sich nie von mir abgewandt. Nicht einmal als ich das erste und einzige mal etwas aus einem Laden stahl. Ich war damals 14 und sie nicht erfreut. Natürlich war sie wütend und doch stand sie hinter mir. Immer. Ich versuchte immer es ihr gleich zu tun. Für sie da zu sein. Ich weiß noch als sie in Rente ging. Sie war erleichtert und doch betrübt. Sie galt jetzt offiziell als alt, sagte sie mir damals. Ich war für sie da. Sagte ihr, sie sei noch immer dieselbe wundervolle Frau wie immer. Da schenkte mir sie ihr strahlendes lächeln. Als ihr Mann starb war ich bei ihr. Sie weinte nicht oft und doch wurde sie von Schluchzern geschüttelt. Ich war für sie da. Stumm und starr, doch ich hielt ihre Hand. Danach war sie nie wieder dieselbe. Das strahlende lächeln hatte ihren Glanz verloren und doch war sie immer für mich da.


Wieso denke ich ausgerechnet jetzt an sie, frage ich mich und sehe stumm ihr Bild an, das über meinem Kamin hängt. Auf dem Bild ist sie schon eine alte Frau, mit weißem Haar und vielen Falten und doch habe ich sie noch jung und lächelnd vor meinem inneren Auge vor mir stehen. Für mich war sie selbst noch jung und schön, als sie starb. Ich vermisse sie. Ich wende den Blick ab und sehe in den großen Spiegel, der Gegenüber von meinem Sessel hängt. Ich blicke in das Gesicht einer alten Frau. Falten zieren ihr Gesicht und sie ist schon ziemlich mager. Ihre Augen sind trüb und glanzlos wie noch nie. Ich fühle mich leicht. Als hätte ich keinen Körper mehr und doch fühle ich eine bleierne schwere in mir. Was geht hier vor? Mein Atem kommt stockend. Ich kann ihn nicht mehr kontrollieren. Panik erfasst mich. Will die Hand heben und doch schaffe ich es nicht. Mein Körper ist taub und kalt. Und da sehe ich plötzlich ihr Gesicht vor meinem inneren Auge. Sie ist jung und hübsch, wie ich sie als Kind kannte und sie hat ihr wunderschönes, strahlendes lächeln auf den Lippen. „Mama.“ wispere ich, doch Worte habe ich schon keine mehr. Es ist nur noch der stumme ruf in mir drinnen. In dem Moment in dem ich starb, war sie bei mir. 

Ellen