Samstag, 4. Oktober 2014

Kurzgeschichte "Auf der anderen Seite"

Auf der anderen Seite

Sie dachte lange nach. Saß am Fenster und gab keinen laut von sich. Ihr Blick verlor sich und alles um sie herum verblasste. Sie hörte den Regen fallen, hörte wie er gegen das Fenster trommelte und dachte einfach nach.
Sie dachte an ihre Freundin Susie und wie sie sich am Vorabend gestritten hatten, weil Susie nicht verstehen wollte, wie es ihr mit der Scheidung ihrer Eltern ging. Sie hatte gelacht und leicht gesagt, dass dies nun wirklich nicht schlimm sei und das sie es hatte kommen sehen. Erinnerte sich, wie sie gezankt und sich Gemeinheiten an den Kopf geworfen hatten. Es machte sie wütend, aber auch traurig. Konnte sie von ihrer Freundin nicht ein wenig mehr Verständnis erwarten? Sie dachte daran, wie sehr sie sich geärgert hatte und wie sie schließlich wütend und verletzt von dannen gezogen war. Sie hatte nicht nach Hause gehen wollen. Dort würden ihre Eltern sie überrascht ansehen und sie fragen, weshalb sie zurückgekommen war und sie hatte wirklich keine Lust gehabt, das zu erklären. Entzürnt war sie also durch die dunklen Straßen gelaufen und wusste nicht wo sie hingehen sollte. Schließlich war sie zu ihrer besten Freundin gegangen. Jessie liebte Besuch und war nur ungern allein, daher freute sie sich zu jeder Uhrzeit, wenn jemand bei ihr vorbei schaute. Als sie auf der Türschwelle gestanden hatte, hatte Jessies Gesicht gestrahlt und sie hatte sich gleich wohl gefühlt. Geborgen. Und doch war heute alles anders. Obwohl Jessie lächelte, wusste sie, sie hatte einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Sie sah Jessies Augen verräterisch glänzen und ihr Lächeln wirkte herzlich, aber schmerzerfüllt. Sie hatten sich nahe Zueinander gesetzt und sie hatten angefangen von alten Erinnerungen zu erzählen. Es machte Spaß von den alten Zeiten zu reden und es lenkte Jessie ab. Sie lächelte hin und wieder und manchmal musste sie so lachen, dass ihr Lachen in einem erschöpften Husten unterging. Sie hatten sich an den Händen gehalten. Ihre ganz warm und weich und Jessies dünn und kalt und bis tief in die Nacht hinein so da gelegen, auf Jessies Bett. Irgendwann war Jessie halb eingeschlafen und murmelte nur noch leise Worte vor sich hin. Plötzlich war die Krankenschwester hereingekommen und hatte Jessie ihr Schmerzmittel verabreicht. Danach war Jessie gar nicht mehr ansprechbar. Es war der Moment indem sie anfingen zu weinen. Sie sah zu ihrer besten Freundin hinab und wusste, dass sie nicht mehr lange Zeit haben würden. Weinend hielt sie Jessies Hand in ihrer und ihr Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Irgendwann war sie eingeschlafen. Aufgewacht war sie von einer leichten Berührung an ihrer Schulter. Sie hatte die Augen geöffnet und in die Augen von Jessie, Nein von Jessies Mutter gesehen. Sie waren voller Tränen und sie wusste, dass etwas nicht stimmen konnte. Als sie Neben sich geblickt hatte, hatte sie Jessie gesehen. Jessie, wie sie immer gewesen war und doch war etwas anders. Jessies Augen waren geschlossen, doch wirkte sie anders. Sie hatte auf ihre Brust gesehen und konnte keinen Atemzug entdecken. Während sie geschlafen hatte, mit der Hand ihrer besten Freundin in der ihren, hatte diese die Welt hinter sich gelassen. Die Welt, ihre Familie, das Krankenhaus, die Schmerzen und auch sie.
Ein Klopfen riss sie aus ihren Erinnerungen. Ihre Mutter öffnete die Tür und hielt ihr das Telefon entgegen. „Es ist Susie. Sie möchte mit dir reden.“ Zögerlich nahm sie das Telefon entgegen und starrte eine Weile darauf. Susie war manchmal eine egoistische Kuh und sie war anstrengend und doch war sie ihre Freundin. Und da war noch etwas. Die andere Seite. Denn auf der anderen Seite, hatte Susie ihr Zeit geschenkt. Der Streit hatte sie zu Jessie getrieben. Hätten sie sich nicht gestritten, wäre sie in dieser Nacht niemals zu Jessie gegangen. Es war eine traurige Nacht gewesen. Vielleicht sogar die traurigste ihres Lebens und doch hatte sie Jessies Hand gehalten und war bei ihr gewesen, als diese sie vielleicht am meisten gebraucht hatte. Eine Träne rann ihre Wange hinab und ein leises lächeln flog über ihre Lippen. Dann hob sie den Telefonhörer ans Ohr. „Hey.“ flüsterte sie. 

Ellen

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